KI für Spitäler: Weniger Schadenfälle, mehr Patientensicherheit

Zwei Wissenschaftlerinnen am Computer

KI für Spitäler: Weniger Schadenfälle, mehr Patientensicherheit

Jeder Schadenfall, der vermieden werden kann, ist Gold wert. Weniger Fehler, weniger Komplikationen, weniger persönliches Leid, dafür mehr vorbeugende Massnahmen, mehr Behandlungsqualität und mehr Patientenzufriedenheit sind die erklärten Ziele von Zurich in enger Zusammenarbeit mit ihren Spitalkunden. Künstliche Intelligenz ist der Schlüssel dazu. Und die Resultate sind erfreulich.

Bereits vor 25 Jahren nahmen weitsichtige Anästhesisten Verantwortung wahr und überlegten, wie sie Fehler­ursachen ergründen und aus entstandenen Fehlern lernen könnten, um die Qualität von Eingriffen zu verbessern. Willkommene Anregungen kamen insbesondere aus der dafür geschaffenen Kommission der Fach­gesellschaft der Anästhesisten (SGAR). Das letzte aktive Gründungs­mitglied war Dr. med. Philippe Schumacher, Facharzt FMH für Anästhesiologie und Intensivmedizin und bis Ende Juni 2022 Chefarzt und Leiter der Klinik für Anästhesiologie am Bürgerspital Solothurn (Solothurner Spitäler soH). Er war einer der Haupt­initianten für die Gründung der Stiftung für Patienten­sicherheit in der Anästhesie im Jahr 2001. Rasch verfolgte die Stiftung Projekte zur Qualitätssicherung. «Vorbild war die US-amerikanische Anesthesia Patient Safety Foundation APSF. Ein wichtiges Element dieser Qualitätssicherung war und ist noch immer die ‹Analyse abgeschlossener Haft-pflichtfälle in der Anästhesie in der Schweiz›», erklärt Dr. Schumacher. 

Mitarbeitende der Stiftung (aktuell geleitet von Prof. Dr. med. Benno Rehberg-Klug von den Universitätsspitälern Genf HUG) bearbeiten bei den Schweizerischen Haftpflichtversicherern anonymisierte Daten und erfassen die Fälle. Ein Expertengremium diskutiert sie. Aus der Diskussion werden Empfehlungen formuliert, um gleichartige Fehler möglichst zu vermeiden. Diese Empfehlungen stehen allen Anästhesisten in der Schweiz zur Verfügung. 

Philippe Schumacher ergänzt: «Die Empfehlungen der Stiftung werden stark beachtet und besitzen eine hohe Authenzität, da sie auf Fällen beruhen, welche tatsächlich in der Schweiz passiert sind.» 

Dr. med. Philippe Schumacher
Dr. med. Philippe Schumacher, Facharzt FMH für Anästhesiologie und Intensivmedizin, ehemaliger Chefarzt Anästhesie soH, begleitete die Ursachenanalyse von Schadensfällen zusammen mit den Haftpflichtversicherern von der ersten Stunde an.

Wertvolles Engagement von Zurich

«Die Arbeitsweise der Stiftung für Patientensicherheit bedingt eine aktive Kooperation der Versicherungsgesellschaften und setzt ein hohes gegenseitiges Vertrauen voraus. Zurich war eine der Gesellschaften der ersten Stunde, welche Einsicht in ihre abgeschlossenen Haftpflichtfälle ermöglichte», blickt Dr. Schumacher zurück. «Die Zusammenarbeit dauert nun schon über 21 Jahre und ist für unsere Stiftung dank der Kooperation mit diesem grossen Haftpflichtversicherer für medizinische Institutionen enorm wichtig. Dank modernster Technologie erfolgt der Austausch heute wesentlich einfacher.»

Künstliche Intelligenz macht vieles transparenter

«Wir wollten die Spitäler noch wirkungsvoller darin unterstützen, vermeidbare Fehler, sog. ‹Never Events›, zu eliminieren», erklärt Reto Bächinger, Relationship Leader bei Zurich. «Daher haben wir das innovative Tool Medeye entwickelt. Dieses kann dank Künstlicher Intelligenz medizinische Dokumente lesen. Dokumente, über die Zurich als Schweizer Marktführerin im Bereich Spitalhaftpflicht­versicherung reichlich verfügt.» 

Seit 20 Jahren beschäftigen sich rund zehn Schadens­pezialistinnen und Schadens­pezialisten des Teams Medical Claims mit der Bearbeitung medizinischer Haftpflichtfälle. Im Archiv von Zurich sind daher Tausende komplexer Schadenfälle dokumentiert – «das ist ein riesiger Schatz an wertvollen Daten», wie Claudia Wyss, Rechts­anwältin bei Zurich, unterstreicht. Sie hat als Leiterin Medical Claims das Projekt Medeye umgesetzt. «Das Tool macht die Informationen aus den Spitälern neu maschinell lesbar und ermöglicht uns, die Daten zu aggregieren und wichtige Erkenntnisse daraus zu gewinnen. Die Analyse stellt auch ein Bench­marking für operative Eingriffe dar. Damit kann Zurich den Schweizer Spitälern über das klassische Angebot von Versicherungen in der Deckung von Schäden hinaus einen grossen Zusatznutzen bieten – davon profitieren ganz besonders auch die Patientinnen und Patienten.» 

Michael Sturzenegger
Michael Sturzenegger, Direktionsassistent Finanzen und Versicherungsverantwortlicher

Wie sehen es die Verantwortlichen in den Spitälern?

Der Ansatz ist überzeugend. Wie sieht es im Spitalalltag aus? Wir befragten Fachleute der Solothurner Spitäler AG (soH): «Wie wichtig ist es, vorbeugend Informationen zum Vermeiden von Schadenfällen zu erhalten?» 

Michael Sturzenegger, Direktionsassistent Finanzen und Versicherungs­verantwortlicher soH, meint dazu: «Für uns ist es von hoher Bedeutung, dass sich unsere Patientinnen und Patienten gut und sicher versorgt und betreut fühlen. Unsere Arbeitsprozesse sind daher auf ihre höchstmögliche Sicherheit ausgerichtet, auch auf diejenige unserer Mitarbeitenden. Diese Sicherheit gilt es laufend aufrecht zu erhalten und dazu gehört auch der Einbezug von Informationen zu Schadens­fällen. Auf diese Weise können kritische Prozesse ununterbrochen angepasst und optimiert werden.» 

Daria Stohler
Daria Stohler, Projektleiterin Qualitätsmanagement soH

Ein ständiger Austausch lässt Früchte reifen

Als entscheidenden Faktor wertet unser Interviewpartner regelmässige persönliche Kontakte mit den Fachexperten von Zurich. Es bestünden bereits langjährige Kooperationen mit entsprechend positiven Erfahrungen. 

Zurich unterstützt die soH im Haftpflicht­versicherungs­geschäft schon seit zehn Jahren. «Insbesondere im Bereich Haftpflicht ist im Hinblick auf die raschen Weiterent­wicklungen im Gesundheits­wesen und die immer besseren medizinischen Behandlungs­möglichkeiten eine vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit zwischen Versicherung und Spital essenziell», betont Michael Sturzenegger. 

Medeye braucht Daten. Welche sind hier besonders relevant für die KI-Auswertungen? Die Informations­beschaffung geschehe auf sehr einfache, bestens eingespielte Art, meinen die Verantwortlichen der soH in Solothurn, Olten und Dornach: «Bei Verdacht auf einen potenziellen Schadenfall wird ein standardisiertes Anmeldeformular ausgefüllt und an Zurich übermittelt. Damit Zurich den Fall einschätzen kann, werden zusätzliche, für den Fall relevante medizinische Akten und Berichte mitversandt, nach dem Einverständnis der Patienten. Dieser Prozess ist so weit optimiert, dass die Lieferung der benötigten Daten an Zurich ohne grossen Zeitaufwand möglich ist», erklärt Daria Stohler; MTRA soH. 

«Medeye hat den grossen Vorteil, dass die Daten digitalisiert sind und zur Erfassung somit keine physische Präsenz vor Ort mehr nötig ist. Ausserdem ist es wertvoll, dass die anästhesierelevanten Haftpflicht­fälle schnell und einfach aufgerufen werden können», betont Dr. Schumacher. «Vor der Digitalisierung waren die entsprechenden Haftpflichtfälle schwieriger aufzufinden und oft von den Erfahrungen und dem Erinnerungsvermögen langjähriger Mitarbeitender der Versicherungen abhängig. Das Tool erleichtert nun der Stiftung ihre Aufgabe wesentlich, weil die Informationen schneller, präziser und standortunabhängig verfügbar sind.» 

Medeye fördert das Qualitätsmanagement

Verbesserungen durch vorbeugende Massnahmen sollen von Bestand sein. Daher werden bei der soH die von Zurich gelieferten Benchmarks aus den Medeye-Daten durch den Versicherungs­verantwortlichen und durch das Qualitäts­management analysiert und mit den eigenen Daten abgeglichen. Michael Sturzenegger betont: «Bei Auffälligkeiten in den Daten werden qualitätsbezogene Prozessan­passungen evaluiert und gegebenenfalls optimieren wir unsere Prozesse.» 

Darüber freut sich auch Claudia Wyss: «Weil eine sehr grosse Datenmenge in Medeye ausgewertet wird, erkennen wir als Versicherer spitalübergreifend Muster und Trends. Daraus können Akteure des Gesundheits­wesens wertvolle Hinweise für eine mögliche Weiterent­wicklung von Behandlungs­methoden und somit für den medizinischen Fortschritt gewinnen.» So schlüsseln die Auswertungen beispielsweise auf, wie häufig es zu Stürzen, Schäden durch falsche Lagerung während einer Operation, zu Verwechslungen bei Medikamenten oder zu aussergewöhnlichen Todesfällen kommt. Weiter zeigen die Daten, während welchen Stadien einer Behandlung am meisten Fehler auftreten – während eines Eingriffs oder während der Diagnose, der Pflege oder der Nachsorge? 

«Zurich hat wertvolle Pionierarbeit geleistet und ihr Engagement laufend verstärkt. Wir hoffen, dass ein ähnliches Tool mit den Fähigkeiten von Medeye auch in anderen Versicherungsgesellschaften Einzug findet», schliesst Dr. Philippe Schumacher. 

 

Dieser Text beruht auf einem Artikel, welchen der Journalist Dr. Hans Balmer im Clinicum-Magazin (Dezember-Ausgabe 2022) veröffentlicht hat. 

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